Leben und andere Absurditäten

Es ist der 27.12.2022, kurz vor Mitternacht. Du kommst von einem Date, toller Abend, mega interessante Frau stand in ihrem Profil, keine Weichspüler und im Gegenteil alles mega krass super toll sei auch zu viel. Scrollst aufgekratzt durch Instagram, Neumond im Steinbock, immer weiter in die Höhe, aber nicht den Halt unter den Füßen verlieren. Schicksal, Alles vorher bestimmt. Immerhin weißt Du wie die Welt funktioniert, weiter sinnieren, alles Energie, also Erfüllung und Liebe manifestieren. Scrollst weiter, der Algorithmus dein bester Freund, ja Ihr versteht Euch. „Spiritual Bypassing, toxic positivity, haben Euch Freunden auch schonmal gesagt, dass Ihr nur positiv denken müsst, was Ihr ausstrahlt, empfangt Ihr, Diggi hab nur mein Leid geklagt.“ Willkürlich angeordnete Zitate, Times New Roman im Quadrat. Ein Atemzug, zwei weitere, ein, aus, aus, das ist nicht, was Du erwartet hast. Illusion von Kontrolle zerbricht, das Dach um dein Inneres, das durch Unsicherheit und Angst besticht.

29.12 Du hast Geburtstag, woho, zwei Tage später bist Du 26. Coming of Age, wieder orientierungslos und du verschanzt Dich in der Therme auf Knopfdruck entspannen in die Sinnlosigkeit der Welt. „Dein Körper sieht nicht aus wie der einer Sechsundzwanzigjährigen“, zack nackt in der Sauna eben mal wieder zum hilflosen Objekt entstellt.

30.12 und Deine Eltern klingeln an der Tür, alles Gute zum Geburtstag, sackst zusammen, deine Mutter, die hat ein Gespür für was Dich quält. Was schützt Dich in einer Welt, die sich deiner Kontrolle entzieht? Eine Vinyl, das Geschenk von Deinem Bruder und Tränen, die sich lichten: „Put a price on emotion, looking for something to buy.
Später am Tag und Du berichtest, dass deine Freundin, die Du vor zwei Monaten kennengelernt hast, weil Du über Instagram eine andere Freundin kennengelernt hast dir eine Stellenanzeige geschickt hat. Dass die klassische juristische Karriere nicht die Deine ist, ein offenen Geheimnis. Und stattdessen? Vom Fisch in Limoncello gar nicht mal so besessen. Das ist eine Nummer zu groß für Dich, Etwas bewegen, deine Kenntnisse in den Dienst der Gesellschaft stellen. Einfach probieren, Erfahrungen sammeln, deine Adern in der die Blutströme vor Aufregung wallen, willst loslaufen, aufspringen, in Aktion verfallen. „Können Sie mir den halben Fisch für zuhause einpacken?“

31.12. Dein Körper tut weh, aber die Bewerbung, die Dich zu Höchstformen motiviert. Hast keinen Appetit, Alles leer, hast vor einem Jahr aufgehört, die Lunge wieder voller Teer. Trinkst Moet und rauchst Dich satt, schaut her wie erfüllt ich bin, Pizzalette und deine Wahlfamilie zu Silvester am Bertha-von-Suttner-Platz. Alles ist gut, wird’s wieder besser, wann hört das auf? Eine Nachricht von Anna, als die Augen in der Dunkelheit auf Deinen Bildschirm schielen, alle Lampen aus.

01.01. Du schickst die Bewerbung ab, volles Risiko, „Herausforderungen sind mein Hobby“ – Alles verkackt? Leute, sie ist raus. Du weißt so ziemlich gar nichts mehr, außer, dass Du Deine Freundinnen lieb hast, stetig. Was wird jetzt eigentlich aus edel&eklig?

02.01. Bibliothek, einfach raus, am Abend Kenza, Magnum und Existentialismus. Das Leben hat keinen Sinn, Leben ist Sinn, Spaß, Schuld und Scham, sie liebt Camus und Du bist irgendwie mittendrin. Du hättest schon Bock drauf, auf Berlin, die Stelle, Unsicherheit, was ist richtig, weißt nicht, was falsch ist. Lass es auf dich zukommen, vielleicht entscheidet auch ein Gespräch darüber ist, wie sie Deine Sorgen und Zweifel beschwichtigt. Wie hat es sich anfühlt, wann warst Du glücklich? Magnum Mandel Nummer Zwei, zum Abschied ein Küsschen, zwei Küsschen.

03.01. Einladung zum Bewerbungsgespräch. EINLADUNG. Es sind nicht deine Freundinnen denen es die Stimme verschlägt: „OH MEIN GOTT LEUTE WAA GWHT DENN BITTE AB. Digga. Leben ist ne heftige Sache.“ Drei Tage Tagesspiegel, Taschentücher und Telefonate. Ob sie Dich mal zurückrufen kann, „In einer Stunde, Maus!“ Du klagst, Du kommst aus den Schuld- und Schamgefühlen nicht mehr raus. „Stell Dir nur mal vor, was für extreme Ausmaße die Spiritualitätdenke hätte annehmen können, hätte hätte Fahradkette?! Bin ich ein schlechter Mensch, narzisstisch und egoistisch?“ Das Bewerbungsgespräch, Sanja, sagst Du und denkst, Du packst dass in Deiner emotionalen Verfassung nicht. Du musst, Du willst eigenen Sinn stiften, Perspektiven und Verantwortung nicht mehr missen. Vielleicht ist es gerade genau der richtige Zeitpunkt zu gehen? Keinen Sinn mehr im Außen zu suchen, Du weißt da ist Nichts, was das Leben Dir bei Geburt serviert.

06.01. Schwitzige Hände im Zug, Dir gehts gar nicht gut, wie sollst Du das überstehen? Den Schmerz zu vermeiden, vollends verfehlt, Zickzack, paradox ihm geradewegs in die Arme zu laufen. Status jetzt „Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.“
Ab 15 Uhr bist Du dann im Abgeordnetenhaus, feministische Innenpolitik, Bodycams, Letzte Generation und Gespräche über deine Motivation. Argumentierst, gestikulierst, Hände auf Schulterhöhe und dein Körper, die vor Enthusiasmus für die Tätigkeit glühen. Nach vierzig Minuten geht die Tür hinter Dir zu, IPA und Baby Guinness, Du weißt nunmehr Du willst diese Stelle so sehr.

09.01. Gestern noch an der Mindmap gebastelt, pro, contra, Gegengegenargument, Freude, die im Falle einer Zusage überwiegt, eine Entscheidung hast Du doch eigentlich schon gefällt, es ist die Emotion, die siegt. Kuchen im Büro der Chefin, Zuckersüße auf der Zunge, aber in Dir wird’s allmählich dunkel. Ohne Hose im Büro, Du hast doch alles probiert, am Ende alles doch nur eine Frage der Genetik? Kolleginnen, die keine sind, aber Freundinnen und Dich trösten. Du verstehst Benedict Wells, der schon vor Dir das Schicksal demaskiert und den Zufall als des Lebens treibende Macht vorführt.
14:58 Anruf in Abwesenheit aus Berlin, haste mal ne Kippe? 15:03, DIE WOLLEN DICH!

Freud und Leid an diesem Tag binnen Stunden berührt, das Leben und Wahrscheinlichkeiten ad absurdum geführt.

Seit dem 12.01 Fühlt sich immer noch nicht nach meinem Leben an, aber ey, so langsam lass ich die Gefühle ran, depersonalisierendes Rationalisieren schaltet sich allmählich aus, stattdessen schreibe ich es auf. Irgendwo in Berlin zwischen M, U und S, und natürlich, manche Gewohnheiten nicht außer Kraft gesetzt, ich versinke mal wieder in Stress. Zug Berlin-Hannover, zwei Mal, drei Mal und schon wieder, immerhin gibts diesmal ein Wandtattoo von weißen Orchideen über dem silbernen Klo. Gedanken rasen, Synapsen kurz davor durchzuknallen. Vier Wochen, die den letzten sechs Jahren in Hannover gerecht werden sollen, Abschiede von Freunden, die doch nur ein Wiedersehen begründen und dazwischen Ich, alleine, überfordert werde ich dem allen nicht gerecht. Albträume und Ängste, die mit der ersten Kippe am Morgen verziehen, graumilchiger Schleier vorm Gesicht, ich schaffe das nicht, alleine mit meinen Zweifeln, der Vorfreude und Widersprüchlichkeiten. Ein Lächeln in Gedanken an Berlin und der beruflichen Chancen und neuen Begegnungen, die damit einhergehen. Provinz auf den Ohren und Vincent im Traum flüstert mir zu ich solle springen, aber kein Bock sich in der Großstadt zu verlieren. Gefühle eine einzige Achterbahn, nur noch vier Wochen, Anna sehen wir uns dann?
Die Wohnung gehört so gut wie Dir.“ EY ICH BIN MAXIMAL GESTRESST UND GLÜCKLICH, ICH WERDE FRIEDRICHSHAINERIN! Egal wie häufig ich es mir sage, am Ende doch wieder die Frage: Was passiert hier?

Ich behaupte nicht, dass Alles möglich ist, aber sage Nichts ist in diesem absurden Leben unmöglich.

3 Kommentare

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