
Entweder Du hast Talent (herzlichen Glückwunsch!). Dann arbeitest Du Dir leidenschaftlich die Fingerkuppen wund, das dumpfe Klimpern der Dell-Tastatur die Hintergrundmusik deiner Karriere. Eine rhtymische Komposition aus hängender Backspace-Taste, die Du doppelt so hart anschlagen musst und dahinfliegender Konsonanten. Du schreibst, schreibst, schreibst, stellst fertig, sendest raus. Die Sache mit dem Talent ist aber, dass auch die innovativsten Texten abhängig von den:der Rezipient:in ist. Dein Aufbau dann nicht freytagsch genug, gegendert wird nicht, die Zielgruppe nicht eindeutig benennbar aber Schreiben, das kannst Du zweifelsohne. Vielleicht ein anderes Projekt, ein anderer Tag, ein anderes Leben. Deine Projekte stapeln sich im antiken Echtholzsekretär vom Secondhand-Shop nebenan, den Du dir eigenes zugelegt hast, weil er so authentisch daherkommt (und weil die Schreibmaschine, die es dort auch gab nicht mehr funktionierte). Ein Überbleibsel vergangener Zeiten so wie die Vorstellung Schreiben sei etwas hoffnungsvoll Romantisches und Talent ausreichend, um sich zu ernähren.
Das Universum meint es gut mit Dir, wenn du Kontakte hast. Freundesfreunde, ein Netzwerk. Oder eben ein erfolgreiches Instagram-Profil auf dem Du dich saisongemäß mit einem groben Strickpulli im Schneidersitz auf deiner grauen Kuscheldecke präsentierst. Ein Cappuccino zwischen den frisch manikürten Fingern. Vielleicht konntest du Dir sogar Pumpkin-Spice leisten, vielleichst wurde es dir auch gesponsert. #itsmemoni für 25% auf unverschämt überteuerte Just Spices Produkte. Sepia Filter für die herbstliche Stimmung drüber, wie das Leben eben ist, kunstvoll arrangierte Brauntöne. Du hast dir damit eine Reichweite von 15k Followern aufgebaut. Bitte weise die Agentur, den Verlag beim Einreichen deines Manuskripts auf dein Profil hin. Schreiben kann sie zwar mittelmäßig, aber das ist Nichts, was ein gutes Lektorat nicht regeln könnte. Nehmen wir. Herzlichen Glückwunsch, herzlichen Glückwunsch.
Option Drei: Du hast gar nichts von beidem, bist weder ein fossilartiger Fund von einzigartigem Schreibtalent noch eine von vielen Influencer:innen. Du bist begnadete:r Beobachter:in deiner Umwelt mit einem Hang zum atmosphärischen Schreiben. Dir gefällt das Skurrile im Lebensalltag und vielleicht schaffst Du es sogar deine handvoll Leser:innen mit deinem Wortwitz zum Lachen zu bringen. Oder weil Du wie ein kostenloser Zirkus bist, bei dem man aber anders als in Angesicht von domtierten Wildkatzen, die von einem Clown zugeritten werden, kein schlechtes Gewissen haben muss. Dann hast Du ein erfüllendes Hobby (herzlichen Glückwunsch!) in dessen Andacht auch der ödeste Bürojob vorüber zieht. Du sitzt am Schreibtisch, pünktlich um 12 Uhr gibt es mittelmäßiges Mittagessen in der Mensa und nach Feierabend hechtest du zum nächsten Job, siehst vielleicht Freunde, machst Sport, worklife-Wahnsinn eben. Außerdem will gutes Material ja auch verdient sein, begnadete Sprache und szenisches Schreiben sind letztlich nur das Ergebnis eigens erlebter Erfahrungen und Begegnungen. Es ist 21 Uhr, du schließt die Wohnungstür, klappst den Laptop auf. Die Helligkeit gaukelt dir vor es wäre taghell oder Du in einer Folterkammer in Sartre-Manier gelandet. Geschlossene Gesellschaft ist der Titel deines jungen Autor:innenlebens. Aber Du bist dann irgendwie doch zu müde, die Gedanken zu Papier zu bringen. Wie du damit erfolgreich wirst, finde ich noch raus, to be continued.
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