
In einer kalten Novembernacht stehe ich vor einer Bar in der Hannoveraner Nordstadt. Simon lehnt an einem der parkenden BMW, schaut zu Lars, dessen Lachen in meinem Ohr hallt. Alle rein, ihr müsst leiser sein, es ist Sperrstunde, das geht nicht, das ihr hier draußen chillt, die Nachbarn beschweren sich, fremdes Eigentum. Ich wiederhole das nicht nochmal, sagschreit er in einer Stimmlage als würde er seinen Kumpels durch die grasgeschwängerte Luft dazu auffordern ihm doch endlich mal zuzuhören, er meine das diesmal wirklich Ernst, ab morgen ist damit Schluss. Der Kippenstummel glüht zwischen meinem Zeige- und Mittelfinger ab, brennt sich in die Fingerkuppe ein. Vom Selbsthass mal abgesehen, muss ich bereits in dem Gedanken an den Geruch, den ich morgen in der Nase haben werde, würgen. Raus kommt nur ein Rülpsen, das ich unter den aufgeplusterten Wangen zu verstecken versuche. Den schalen Geschmack von Malz schlucke ich wieder runter. Noch einen Schluck aus dem Bierglas, Relikt Oktoberfest. Wie der Humpen seinen Weg nach Hannover gefunden hat, keine Ahnung, aber die Dirndlkultur kann gleich mit dem Glas verschwinden. Ich schaue zwischen meinen Freunden hin und her, als ich ihn im Augenwinkel sehe. Von Weitem beobachte ich, wie er einarmig sein Fahrrad zwischen sich und seinem Freund herschiebt, die Lässigkeit um diese Uhrzeit ist schon frech. Wie lange wir uns nicht gesehen haben, weiß ich nicht. Wer zuletzt geschrieben hat, keine Ahnung, ist mir auch egal. Meine Bauch behauptet das Gegenteil, flau wird mir, ich fühle mich wie unter einer Glocke, das Blut rauscht in meinen Ohren. Ehe ich mich in mein nüchternes Schneckenhaus zurückziehen kann, höre ich mich selbst seinen Namen rufen, sehe ihn nicht reagieren, schreie noch lauter über die feierwütige Gesellschaft hinweg. Wie ein Polizist, der den wirren Stadtverkehr zu ordnen versucht, bewegt er seine linken Handfläche steif auf und ab. Sorry, ich muss weiter, wie er mir zu verstehen geben will. Die Hand wie im Tremor, auf und ab. Sein Körper bewegt sich weiter, zieht am rechten Augenwinkel vorüber ehe er sich immer weiter entfernt, raus aus meinem Blickfeld. Seine Hand noch heute auf meiner Netzhaut, es war ein Winken, weiter voraus, ohne mich. Alles gesagt und doch viel zu wenig, als dass man es verstehen könnte. Man trifft sich bei Nacht zufällig in den Straßen und bleibt im Dunkeln zurück.
Ghosting findet nicht nur auf Datingplattformen statt. Schmerzt auf Tinder aber weitaus weniger, weil man mit der Person, 4km Luftlinie getrennt, persönlich noch kein Wort gewechselt, keine gemeinsamen Studienjahre, keine Wochenenden bei der Familie verbracht hat. Jugendherberge hat Ausgang, an die Nordsee, wo gemeinsam der Versuch unternommen wird, Rätsel im Zeit Magazin zu lösen, die im Gegenteil zu den verzweifelten Datinganzeigen auf der Rückseite undurchschaubar sind. Gib mir Sonne, als er den Song auf der Autofahrt hörte, musste er an mich denken, wie er mir später über die schallenden Boxen zuruft. Unter Freunden machte man sich halt Sorgen, wenn die Andere den Sommer in der Klinik verbringt, Rotwein mit Fanta hat diese Semesterferien Pause. Freundschaft heilt, Meeresluft sowieso.
Nein, Ghosting unter Freunden ist ein anderes Kaliber. Weil man fünf Jahre zusammen verbracht, sich gestritten und versöhnt, Geheimnisse und Sehnsüchte, Leid und Freude geteilt hat. Möge die Pflanze wie unsere Freundschaft gedeihen, lebendig begraben werden, trocken und tot.
Einst war man wie vagabundierende Planeten deren Umlaufbahnen um ein- und denselben Stern kreisten, ein Thema, das einander verband. Klammheimlich löste sich das Band auf, sodass man nur noch elliptisch um die Andere im Sicherheitsabstand herumeierte. Lesson learned, level completed.
Danke für die Zeit, zu viel vorgefallen, es passt nicht mehr, warum, weiß man manchmal selbst nicht, was soll man sich da groß sagen, wenn eigentlich Nichts passiert ist, man sich auseinander gelebt hat. Auf Wiedersehen, ohne die Abschiedsformel wortwörtlich nehmen zu müssen, statt wortlos und klammheimlich verlassen zu werden und gedankenlaut zu gehen.
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